Europäische Arbeitnehmende: Ihre Sorgen und Ängste

Europäische Arbeitnehmende: Ihre Sorgen und ÄngsteDie wirtschaftliche Lage in Europa ist angespannt. Nach Corona kam der Krieg in der Ukraine, der eine enorme Inflationsrate (9,1 % im EU-Raum) und Energieverknappung zur Folge hat. Alleine für Lebensmittel sind die Preise in Deutschland in nur einem Jahr (06/21 – 06/22) um 12,7 % gestiegen. Kein Wunder, dass europäische Beschäftigte sich sorgen.

Culture Amp hat 3.000 Vollzeitbeschäftigte in Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden befragt, was derzeit ihre größten Sorgen hinsichtlich der Arbeit sind.

Die Wirtschaftskrise sorge dafür, dass 70 % der Befragten durch die steigenden Lebenshaltungskosten beunruhigt seien. Sogar die Hälfte mache sich Sorgen darüber, dass sich die globalen Entwicklungen auf ihre Beschäftigungsaussichten auswirken könnten. 6 von 10 wünschen sich finanzielle Hilfe vom Arbeitgebenden bei den steigenden Kosten. Umso wichtiger sei es für die Unternehmen, den Mitarbeitenden anzuhören und ihr Feedback ernst zu nehmen und entsprechend darauf zu reagieren. Laut Dr. Arne Sjöström (Senior People Scientist bei Culture Amp) eine wichtige Möglichkeit, um am Puls der Zeit zu bleiben. Durch regelmäßiges Feedback bekämen Unternehmen mit, was den Beschäftigten am wichtigsten sei und wie sich die Erwartungen u. U. ändern. Darauf können sie direkt aktiv reagieren.

Wechsel des Arbeitsplatzes

Der Wechselwille halte an. Gut 44 % der Befragten können sich einen neuen Arbeitsplatz vorstellen. Knapp 19 % seien sogar aktiv auf der Suche danach. Die wichtigsten Gründe für einen Jobwechsel seien das Gehalt (38,3 %) und stressige Arbeitsbedingungen (34 %). Interessanterweise scheinen Frauen deutlich gestresster zu sein als Männer. Gut 40 % bemängelten ein stressiges Umfeld. Beim männlichen Geschlecht waren es nur 19 %. Dr. Sjöstörm erklärt dies damit, dass sich im Laufe der Corona-Pandemie die Arbeitsbelastung und Work-Life-Balance der Frauen stark verschlechtert haben. Die Frauen wurden mit zunehmenden Betreuungsaufgaben konfrontiert und fühlten sich dadurch kaum unterstützt und entlastet. Ihre Erholung kam zu kurz.

Tipp: Regen Sie die Durchführung von Austrittsbefragungen an. Sie machen die Hauptgründe für Kündigungen deutlich und geben somit die Möglichkeit, Strategien zu entwickeln, ihnen zukünftig entgegenzuwirken. Empfehlenswert seien zudem klare und transparente Entwicklungsprozesse, die interne Aufstiegsmöglichkeiten aufzeigen.

Psychische Gesundheit und Wohlbefinden

Obwohl die Bedeutung der psychischen Gesundheit zunimmt, scheinen die Unternehmen diese nicht ausreichend ernst zu nehmen. Fast vierzig Prozent der europäischen Arbeitnehmenden kritisieren, dass sich ihr/e Arbeitgeber*in nicht ausreichend um die mentale Gesundheit kümmere. Bei den deutschen Beschäftigten seien es sogar erschreckende 47,6 %.

Diese Unternehmen hätten verkannt, dass die Investition in die psychische Gesundheit der Arbeitnehmenden die Wettbewerbsfähigkeit verbessere. Ein solches Umfeld zieheTalente an und binde sie. Das Engagement und die Leistung der Einzelnen steigen. Mitarbeitende, die unter Stress und Burnout leiden, hätten im Gegensatz dazu ein geringeres emotionales Energieniveau. D. h. das Arbeitsergebnis sei deutlich niedriger.

Das Wohlbefinden am Arbeitsplatz sei also von großer Bedeutung und wirke sich auf die gesamte Unternehmenskultur aus.

Weiterbildung

In europäischen Unternehmen müsse das Weiterbildungsangebot deutlich gesteigert werden. 50 % der Befragten sehen in ihren Unternehmen ausreichende Schulungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Allerdings vermissen 47 % die Transparenz der Schulungsstrategie.

Dabei seien Weiterbildungsmöglichkeiten mit entscheidend, ob Beschäftigte sich für ein Unternehmen entscheiden oder es verlassen. Sie seien um so engagierter, wenn sie Fähigkeiten entwickeln können, die sich mit ihren Interessen decken.

Tipp: In regelmäßigen Abständen sollten seitens des Managements produktive Entwicklungsgespräche geführt werden, auf deren Grundlage dann individuelle Entwicklungspläne erstellt werden. Für einen beruflichen Aufstieg sollten definierte, transparente Prozesse etabliert werden.

Mitarbeiterbefragungen

Knapp 60 % der Studienteilnehmenden sagen, dass bei ihnen keine regelmäßigen Mitarbeiterbefragungen mit einem Mitarbeiter*innen-Feedback-Tool durchgeführt werden. Und wenn diese durchgeführt würden, sei es auch häufig fraglich, ob daraufhin konkrete Maßnahmen ergriffen würden.

Unternehmen, die nicht aktiv nach Feedback suchen, bekämen oftmals die Sorgen/Ängste/Wünsche ihrer Mitarbeitenden nicht mit, wenn diese sich nicht proaktiv mitteilen. Immerhin glauben vier von zehn Umfrageteilnehmer*innen, dass sie unsicher seien, ob sie ihre Bedenken offen mit dem Chef besprechen können. Auch dabei gebe es enorme Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Viele Frauen (45 %) tendieren dazu, so zu tun, als sei alles in Ordnung. Auch wenn dies nicht der Fall sei. Bei den Männern seien es im Vergleich dazu nur 18 %.

Tipp: Der Schlüssel liege im Aufbau von Vertrauen in die Mitarbeiter*innen. Mithilfe von Transparenz müsse der Weg für eine ehrliche Kommunikation geebnet werden.

Fazit

Durch die Wirtschaftskrise verunsicherte Beschäftigte wünschen sich finanzielle Unterstützung durch den Arbeitgebenden und eine bessere Work-Life-Balance. Fühlen sie sich seitens ihres Unternehmens nicht unterstützt und wertgeschätzt, wechseln sie den Arbeitsplatz.

Unternehmen, die kein Feedback von ihren Beschäftigten erfragen, gehen ein großes Risiko ein. Sie wissen nicht, wie es ihren Mitarbeitenden geht und können dementsprechend keine Maßnahmen ergreifen. Das macht eine erfolgreiche Mitarbeiterbindung schwierig bis unmöglich.

Lassen Sie es nicht so weit kommen.

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